Bis heute zählen die Flachsverarbeitung und Leinenherstellung als das identitätsstiftende Kulturgut der sorbischen Bevölkerung und unserer Region, die über Jahrhunderte das Bild des dörflichen Lebens prägten.
„Es ist ein Bild von starker Wirkung. Der schwarz blaue Kieferwald der fast drohend emporwuchs, die grauen Regenwolken am Himmel darüber und auf dem Feldweg ein mit Flachsbündeln beladener Leiterwagen.“
Der Flachsanbau und seine Verarbeitung waren zeitintensiv und mit harter Arbeit verbunden. Kamen die Flachsbündel vom Feld, mussten sie mit dem Riffelkamm von den Samen befreit werden. Das Rösten entfernte die äußere Hülle der Flachsstängel und das darauffolgende Dörren machte diese spröde, damit beim Brecheln die inneren Pflanzenfasern gewonnen werden konnten. Mit der Hechel, einer Art Kamm, wurden die Pflanzenfasern durchgekämmt. Auf diese Weise trennte man die hochwertigen Pflanzenfasern von den kurzen, die von minderer Qualität waren. Nun folgte das Spinnen.
„Beim Spinnen halfen sich die Nachbarn gegenseitig, oder trafen sich wegen Einsparung von Feuerung bzw. wegen der Unterhaltung dort, wo die größte Stube war. (…) Das Surren der Spinnräder, der liebliche Duft der Bratäpfel und ab und zu ein Glas Obstwein im warmen Zimmer, ließen eine anheimelnde Atmosphäre aufkommen.“
Waren die Spulen voll, so wurde das Garn auf Haspeln gewickelt, bevor es ausgewaschen und gebleicht wurde. Das Weben am Webstuhl war der nächste Arbeitsschritt und
„(…) jedes Mädchen war bestrebt, bis zur Hochzeit eine Menge Leinen der unterschiedlichsten Erzeugnisse herzustellen. In einer Lade aufbewahrt, diente es im neuen Heim als Grundlage der Entwicklung eines eigenen Hausstandes.“
Von der sorbischen Kultur beeindruckt unternahm Günter Peters (ehemaliger Museumsdirektor des Stadtmuseums) oft Streifzüge in die Gemeinden und Dörfer rund um Hoyerswerda. Er war auf der Suche nach Geschichten und alten Traditionen. Von seinen Streifzügen kam er so gut wie nie mit leeren Händen zurück. Die Sorben beschenkten ihn oft mit alten Handwerksutensilien, Hausrat und Trachtenteilen. Am 18. Januar 1955 gesellte sich zur sorbischen Sammlung im Museum auch ein Webstuhl aus Tätzschwitz hinzu, der laut dem Museumstagebuch gleich nach seiner Ankunft im Sorben-Zimmer aufgebaut und fotografiert wurde. Für einen authentischen Eindruck wurde er Anfang März von zwei Sorbinnen gespannt und am nächsten Tag angewebt. Seit der Eröffnung der ersten Dauerausstellung im Sommer 1955 ist der Webstuhl Teil der ständigen Ausstellung im Schloss. Heute kann der Webstuhl, dessen genaues Baujahr leider nie vermerkt wurde, mit den zur Flachsverarbeitung notwendigen Geräten in hier im Schloss, in der Sorbenstube besichtigt werden.





