Ein Text von Kirsten und Werner Böhme/Klaus Stein
Die Geschichte des Trachtenhauses in Hoyerswerda ist eng mit der Familiengeschichte verknüpft. Biografische Ereignisse verschmelzen mit historischen…
Johann Jatzwauk (Jan Wjacłauk) wurde am 4. März 1897 in Hoyerswerda, Bahnhofstraße Nr. 38, als Sohn des Bahnarbeiters Matthes Jatzwauk und dessen Ehefrau Marie, geb. Swat, geboren.
Nach Abschluss der Schule erlernte er beim Schneidermeister Georg Müller in der Bahnhofstraße Nr. 6 den Beruf des Schneiders. 1919 heiratete er Helene Richter aus Neuwiese. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Karl und Anna hervor. In der Heiratsurkunde wird Johann Jatzwauk als Hilfsküster benannt. Es ist überliefert, dass er sich lebenslang in der Gemeinde der Johanneskirche Hoyerswerda engagierte, in der neben deutschen auch sorbische Gottesdienste durchgeführt wurden.
Die Hoyerswerdaer Nachrichten vom 6. März 1926 vermelden:
„Einer geehrten Einwohnerschaft von Stadt und Land zur gefl. Kenntnis, daß ich die wendische Spezialabteilung Kaufhaus Wels, Wittichenau, Filiale Hoyerswerda, Senftenberger Straße 6, von heute ab auf meinen Namen weiterführe.
Johann Jatzwauk“ Zur Belebung des Weihnachtsgeschäftes erschien im selben Jahr folgende Annonce in der Zeitung:

Dieses Geschäft für sorbische Volkstrachten war der Beginn der erfolgreichen Geschichte des Trachtenhauses Johann Jatzwauk. Seine Geschäftstätigkeit erstreckte sich nicht nur auf die unmittelbare Umgebung von Hoyerswerda, sondern er stellte Kontakte zu anderen in der Trachtenherstellung erfahrenen Firmen her, wie der Blaudruckerei Petzold in Bretnig in der Oberlausitz, der Tuchfabrik Hüttner in Treuen im Vogtland, sowie der Weberei Hertwig in Hainichen/Erzgebirge. Johann Jatzwauk setzte seine eigenen künstlerischen Fähigkeiten als freier, erfolgreicher Geschäftsmann in neue Ideen um. Er entwarf Muster, entwickelte modische Details und fertigte Bänder, Perlenketten sowie sorbische Alltags- und Festtrachten in der eigenen Werkstatt an. Er verkaufte Trachten oder verlieh sie auch. So hatte er einen erheblichen Anteil daran, dass die sorbische Tracht in und um Hoyerswerda in den 1920er-Jahren ihre größte Pracht entfaltete

Der Laden in der Senftenberger Straße wurde zu einer Stätte der Beratung, des Einkleidens sowie auch allgemeiner Gespräche und wurde bald zu klein. Aus diesem Grunde wurde das größere Haus, Senftenberger Straße Nr. 19, erworben. Es bot Raum für Versammlungen, Geselligkeiten sowie Gesangsstunden und war, unweit des Marktes gelegen, bald ein Zentrum sorbischer Identität. Dabei war für Johann Jatzwauk seine Frau Helene eine unentbehrliche Partnerin.

1937 wurden die Domowina, der Bund Lausitzer Sorben, und die sorbische Sprache im öffentlichen Leben verboten. Doch das Trachtenhaus Jatzwauk war und blieb eine Institution sorbischen Brauchtums. Hier wurde dennoch eine sorbische Hochzeit mit Johann Jatzwauk als Hochzeitsbitter und seiner Frau Helene als Ankleidefrau durchgeführt. Diese sorbische Hochzeit in Hoyerswerda war ein Protest gegen die Verbote, gegen die örtliche Macht und war Beweis für das Selbstverständnis und die Persönlichkeit von Johann Jatzwauk.


Nachdem Johann Jatzwauk im Juli 1939 seine Meisterprüfung bestanden hatte und in der Senftenberger Straße Nr. 19 eine größere Schneiderwerkstatt mit mehreren Arbeitsplätzen eingerichtet werden konnte, wurden im Trachtenhaus auch Lehrlinge ausgebildet. Die Pläne zur weiteren Entwicklung des Trachtenhauses wurden durch den Ausbruch des zweiten Weltkrieges zerstört. Kriegsbedingt gab es immer weitere wirtschaftliche Einschnitte. In den letzten Kriegstagen wurde Hoyerswerda durch Bombardierung, Granatbeschuss und Brandschatzungen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das Trachtenhaus brannte fast völlig aus, sein Ende schien besiegelt.
Johann Jatzwauks Tochter Anna (ihr Bruder Karl war an der Ostfront vermisst) war verheiratet mit Günter Böhme. 1941 wurde ihr gemeinsamer Sohn Werner geboren, zwei Jahre später Tochter Rosemarie. Anna Böhme entschied sich im Alter von 26 Jahren gemeinsam mit ihren Eltern für den Wiederaufbau des Trachtenhauses. 1946 kehrte Günter Böhme aus der Kriegsgefangenschaft zurück und half nach Kräften beim Wiederaufbau mit.

Mit der Neugründung der Domowina im Mai 1945 und der Annahme des Gesetzes zur Wahrung der Rechte der Sorben durch den Sächsischen Landtag 1946 war bei der Familie neue Zuversicht zur Weiterführung des Familienunternehmens aufgekommen. Trotz des Mangels bei den Zulieferungen konnten die Geschäfte des Trachtenhauses unter hohem persönlichem Einsatz der Familie und aller Mitarbeiter wiederbelebt und alte Geschäftsbeziehungen wieder aufgenommen werden. Die Leistungsfähigkeit der Trachtenwerkstatt wurde u. a. bei der Teilnahme an der Kreishandwerkerschau oder im März 1950 bei der Wirtschaftsausstellung in Hoyerswerda unter Beweis gestellt.
1957 drehte DEFA den halbdokumentarischen Film „Wenn Jan und Lenka Hochzeit machen“ unter wesentlicher Mitwirkung des Trachtenhauses und von Johann Jatzwauk als Hochzeitsbitter.
Dieser Film sollte das Leben und die Bräuche der Sorben noch einmal in ihrer ländlich verwurzelten Originalität festhalten, bevor sich mit dem Aufbau des Kombinates Schwarze Pumpe die Lebenswelt der Sorben grundlegend ändern sollte.
Als Johann Jatzwauk am 9. August 1963 verstarb, trat Tochter Anna das Erbe an. Sie absolvierte die Meisterprüfung und führte den Familienbetrieb allein weiter. Ihre Mutter Helene unterstützte sie bis zu ihrem Tode am 14. Januar 1970 tatkräftig. Durch die unermüdliche, aufopferungsvolle Arbeit von Anna Böhme wurde das Trachtenhaus über die schwierige Zeit gerettet. Sie folgte dem Vermächtnis ihres Vaters, die Familientradition fortzusetzen. Die Blüte des Trachtenhauses, so stellte es Anna Böhme rückblickend dar, lag jedoch vor dem 2. Weltkrieg. 1976 wurde das Ladengeschäft verstaatlicht und gehörte nun zur sozialistischen Handelsorganisation HO. Monika Kirchhoff, jüngste Tochter von Anna, entschloss sich, ihre Mutter zu unterstützen. Sie übernahm für vier Jahre das Ladengeschäft auf Kommissionsbasis, baute den Laden um, dekorierte ihn liebevoll und brachte neue Ideen ein. Im Haus in der Senftenberger Straße lebten nun drei Generationen. Unter dem Dach war die Schneiderwerkstatt, drei Angestellte waren beschäftigt. Im Erdgeschoss befand sich der „Sorbenladen“.


Ab 1980 führte dann Anna Böhme den Familienbetrieb wieder allein unter schwierigsten Bedingungen. Fehlende administrative und finanzielle Hilfe machten die 1980er Jahre zu den schwersten für das Trachtenhaus. Auch hohe Staatsbesuche, wie der vom Vorsitzenden der Volkskammer, Horst Sindermann, änderten daran nichts. Doch trotz Erkrankung und Behinderung öffnete Anna Böhme täglich den Laden, nur durch Frau Ursula Tillich unterstützt. Sie übernahm Änderungsaufträge, nähte für die älteren sorbischen Frauen deren Alltagskleidung und fertigte die begehrten Trachtenpuppen an. Wiederholte restriktive Eingriffe der staatlichen Behörden in die Organisation des Betriebes führten schließlich zu Überschuldung, Zwangsenteignung und wirtschaftlichem Niedergang.
Nach reiflicher Überlegung entschied sich die älteste Enkeltochter, Kirsten Böhme, studierte Architektin, im Alter von 26 Jahren den Familienbetrieb zu übernehmen. Im Sinne ihres Urgroßvaters Johann Jatzwauk ging sie daran, das Trachtenhaus in alter Tradition, aber mit neuem Geschäftsstil zu führen. Ihre erste Initiative war die umfassende Sanierung des Hauses. Das Dach wurde neu gedeckt, eine neue Heizungsanlage installiert und die Fassade erneuert. Große Schaufenster wurden eingebaut und der ursprüngliche Schriftzug „Johann Jatzwauk“ erneuert.

Mit vielen kreativen Ideen entstand der „Lausitzer Laden“ als Einheit von Trachtenwerkstatt, Ladenverkauf und kultureller Einrichtung. Das Profil wurde dahingehend verändert, dass neben sorbischen Volkstrachten auch andere Trachtenmode angeboten wurde. Um nicht nur Trachten aus Bayern und Tirol anzubieten, arbeitete Kirsten Böhme an einer eigenen lausitztypischen Kollektion. Mit Rückgang des Trachtenmodetrends Ende der 1990er-Jahre wurde dieser Teil der Geschäftstätigkeit eingestellt. Im vorderen Ladenraum befand sich nun eine Art „Museumsshop“, in dem neben Trachtenpuppen auch Blaudruck, sorbische Ostereier, Literatur, Musikträger und Postkarten verkauft wurden.
In Zusammenarbeit mit der Domowina konnte im Trachtenhaus ein sorbisches Kultur- und Informationszentrum eingerichtet werden, unterstützt durch den damaligen Kulturdezernenten des Landkreises Hoyerswerda, Klaus Haupt.
Wechselnde Trachtenausstellungen im oberen Stockwerk des Hauses und andere Veranstaltungen, wie das jährliche Ostereiermalen oder das Ankleiden des Bescherkindes waren bald beliebte Anlässe zum Gedankenaustausch und zur Pflege sorbischer Traditionen, ganz im Sinne von Johann und Anna Jatzwauk, die 1993 verstarb.
1996 übernahm der „Verein zur Pflege der Regionalkultur der Mittleren Lausitz e.V.“
die Trägerschaft und entwickelte in den Räumlichkeiten des Trachtenhauses ein reges Vereinsleben.
Fehlende finanzielle Unterstützung ist der Grund dafür, dass ab 2015 die beliebten Workshops wie Perlenfädeln, Ankleiden oder Ostereiermalen nur noch begrenzt und in Absprache angeboten werden können. Familienmitglieder aus dem Hause Jatzwauk und Vereinsmitglieder ermöglichen es, dass das Trachtenhaus mittwochs geöffnet werden kann.

Im 90. Jahr seines Bestehens zeigt sich das Trachtenhau Jatzwauk in Hoyerswerda trotz seiner eingeschränkten Angebote und Öffnungszeiten und immer noch im Sinne seines Gründers Johann Jatzwauk als Ort der Begegnung von Sorben und Deutschen im Sinne der unverfälschten sorbischen Traditionspflege.
[1] aus: Walther Steller, „Schlesische Volkstrachten“, Ostdeutsche Verlagsanstalt Breslau, 1938, S. 81